500 Jahre Lindlarer Schützenwesen
Fortsetzung der Chronik
Die Schützenfeste nahmen mit der Zeit einen bedeutenden Aufschwung mit sichtbarem Einfluß auf das gesellschaftliche Leben der Gemeinwesen. Die Fürsten glaubten jedoch erkannt zu haben, daß diese Feste geeignet seien, den "Jagdfrevel zu fördern." Kurfürst Karl Theodor, Herzog von Jülich, Cleve und Berg, gab deshalb am 23.6.1755 seinen Beamten auf, sie möglicherweise abzustellen. Überall gab es neue Verordnungen und Bestimmungen, die bereits in der vornapoleonischen Zeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts ihre negativen Auswirkungen auf die Schützengesellschaften und deren Feste nicht verfehlten. So ist es auch in Lindlar gewesen. Vorhanden ist eine Beschwerde an den Kurfürst auf eine Anklage wegen Exzessen und Meuterei der Lindlarer Schützengesellschaft. Sie scheint allem Anschein nach aus den letzten Jahren vor der französischen Revolution (1789) zu stammen.
U. a. heißt es darin: "Zur Sache selbst konstatieren wir sämtliche Schützengesellschaftsglieder, daß unserseit nie was bößes bezwekt, auch nicht der geringste Anlaß zu einer inquisition gegeben worden, wir unsres wissen auch noch nie als beklagte geladen worden sind. Wäre dies letztere geschehen, so wörde kein einziger von uns etwas abgelögnet haben, was jährlichs an bemelten Tage vor = bey = und nach unserer Procession öffentlich vorgefallen ist in festem bewußtseyn, daß er nichts sträfliches oder etwas anders begangen habe, als was durch das ganze Land von Haubtstädten an bis zum gringsten bauern Dorff bei feierlichkeiten zu geschehen pflegt. Unser Prifilegium enthält bei Processionen mit gewehr zu begleiten wobey uns das schießen nicht anders als auf den gewöhnlichen Stationen, und wenn von denen Officirs dazu kommandiert würde, erlaubt ist, sonst aber allen excessen mit schießen verboten sind. Unser Zweck ist aber heilig und noch nie hat ein Steinbacher Amts eingesessener die Pflicht und Ehrforcht außer acht gesetzet, welcher er seiner Obrigkeit schuldig ist, vielweniger Meüterey und dergleichen Einfallen lassen."
Wann in Lindlar eine Schützengesellschaft bzw. die St. Sebastianus-Schützenbruderschaft entstanden ist, läßt sich bisher nicht beantworten, da sich der Übergang vom ländlichen Schützenwesen mit seinem Milizcharakter zum Schützenverein von selbst ergab, ohne daß eine besondere Gründung erfolgte. Anliegen waren offenbar die Bewahrung der geschichtlichen Überlieferung und des althergebrachten Brauchtums, die Gestaltung echter brüderlicher Geselligkeit und die Pflege des "Schießspiels."
Das Schützenwesen in Lindlar, aus dem 1840 der Schützenverein hervorging, hat nachweisbar eine lange Tradition, wie wir aus den seit 1490 vorhandenen Kirchenrechnungen der kath. Pfarrgemeinde Lindlar entnehmen können. Dort steht unter Einnahmen des Jahres 1502 verzeichnet: "ltem noch entfangen von eyn huntzkogell (Schützengruppe der Honschaft) swert ind lanzen." Danach hat 1502, mithin vor 500 Jahren, bereits eine Schützenabteilung in Lindlar bestanden. 1507 ist in den Landtagsakten von Jülich-Berg (von Below Band I Seite 109) die Zahl der aus den Bergischen Ämtern zu stellenden Schützen festzustellen. Auf das Amt Steinbach, dessen Mittelpunkt Lindlar war, entfielen 63 "schutzen" bewaffnet mit Hakenbüchsen und 62 Mann mit "steven" (Stäben). Diese Schützen dienten als Miliz und waren dem Amtmann von Steinbach in Lindlar unterstellt. Auch in den folgenden Jahrzehnten wurden Anordnungen erlassen, die sich mit den Schützen der Bergischen Ämter befassen. Danach sind die Schützen wegen ihrer Verpflichtung zum Schutze des Landes und der Heimat mit Hakenbüchsen bewaffnet, die sie auch beim Vogelschießen benutzen durften. Der an den Büchsen angebrachte Haken diente dem Zweck, das Gewehr beim Zielen an einer eingerammten Leiter zu befestigen, so daß der starke Rückstoß bei der Schußabgabe gehemmt wurde. Dennoch gab es fast immer verrenkte Schultern, was jedoch die Schützenbrüder nicht schmerzte, sondern vielmehr mit Stolz ertrugen. Denn nach altem Brauch wollten die Schützen nicht nur sehen und hören, sondern buchstäblich auch "fühlen", daß der Schuß das Rohr verlassen hatte.
Im 18. Jahrhundert war teilweise der Übergang vom ländlichen Schützenwesen mit Milizcharakter zum Schützenvereinswesen bereits vollzogen.
1764 erhalten die Junggesellen (= Jungschützen) der Lindlarer Schützenbruderschaft eine Fahne, deren Reste noch heute vorhanden sind (siehe Abbildung Seite 22). In der Kirchenrechnung findet sich hierzu folgender Posten: "Item ist zum behuff Eines newen fahne vor die Junggesellen zusahm gebracht worden ad 36 Thl. 25 Albus 4 Heller. " Nach dieser, von der Kirchengemeinde Lindlar gestifteten Fahne, wurden vereinsseitig weitere Fahnen 1869, zum Jubiläumsfest 1925, für die Jungschützen 1967 und die jetzige Vereinsfahne 1987 angeschafft.
1771 erhalten die Lindlarer Schützen noch Exekutionsbefehle und wieder 1779 und 1780 müssen sie, verstärkt durch 12 Schützen aus Hückeswagen, unter Aufsicht eines Oberführers im Schloß Heiligenhoven, das dem damaligen Schultheiß von Brück gehörte, die Sequestrierung von Feldfrüchten auf Grund eines höheren Gerichtsurteils durchführen. In solchen Fällen waren die Schützen der Landmiliz zugerechnet und damit dem Landmarschall unterstellt.
Von Wichtigkeit für die Geschichte der früheren Lindlarer Schützengesellschaft ist die bereits erwähnte Beschwerde an den Kurfürst um 1790, aus der wir noch Folgendes entnehmen: "In Lindlahr ist seit undenklichen Jahren eine Companie junger leüten darzu ersehen worden bei den Processionen mitzuziehen und welche sich ebenso betragen wie wir. " Danach bestanden auch in Lindlar, wie auch an vielen anderen Orten, verschiedene Schützengruppen: eine Gruppe der Männer und eine Gruppe der Junggesellen, die jede für sich die Prozessionen begleiteten und ihre Feste feierten.
Nach der Besetzung des Bergischen Landes 1795 durch französische Truppen kam das Schützenwesen vorübergehend fast völlig zum Erliegen. Die Prozessionen wurden verboten, die Gottestrachten und die Schützenfeste kamen in Fortfall. Soweit nach 1804 die Gesellschaften sich wieder betätigen durften, wurden sie zu Vereinen ohne Bindung an die Kirche umgestaltet. In der preußischen Zeit nach 1815 entstanden viele Vereine mit militantem und sportlichem Charakter. Aber auch viele Gesellschaften mit rein religiöser Bindung traten wieder auf, die heute im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften zusammengeschlossen sind.In den 30er Jahren trat jedoch erneut ein Tiefstand ein, der gegen Ende des Jahrzehnts den Wunsch aller Bevölkerungskreise, vom einfachen Bürger bis zu den Spitzen von Behörden und Kirche, nach einer zukunftssicheren Wiederbelebung des alten Lindlarer Schützenwesens auslöste. Nach langen Verhandlungen wurde sodann am
21. August 1840 der Schützenverein Lindlar
gegründet, und zwar nach dem Wortlaut der erhaltenen Statut-Urschrift für die "Bewohner der Bürgermeisterei Lindlar". Historisch gesehen war es eine Neubelebung der alten kirchlichen Sebastianus-Schützenbruderschaft in einen unabhängigen Verein. Nach mehreren Änderungen und Ergänzungen, vermutlich vom damaligen Friedensgericht Lindlar veranlaßt, wurde das Statut am 1. September 1841 neu gefaßt und am 12. November 1841 durch die Königlich-Preußische Regierung zu Köln genehmigt.
Aus diesem Statut ist zu entnehmen, daß es nach alter Tradition auch in der Gründungszeit des Vereins noch zwei Kirmessen in Lindlar gab, aber nur bei der ersten Kirmes das Königsvogelschießen stattfand. Das Hauptschützenfest sollte alter Gewohnheit gemäß am Sonntag der ersten Kirmes, zwei Wochen nach Pfingsten, gefeiert werden. Wer beim Vogelschießen den letzten Rest des Holzvogels von der Stange abgeschossen hatte, war Schützenkönig und erhielt den uralten Silbervogel als äußeres Zeichen der Königswürde.
Wie bereits vorstehend erwähnt, trug der Schützenkönig als äußeres Zeichen seiner Würde einen aus dem 18. Jahrhundert stammenden silbernen Vogel. Die jeweiligen Schützenkönige stifteten ihrerseits einen Silberschild mit eingraviertem Namen und Jahreszahl, die an der Tragekette des Königsvogels angebracht wurden. Von diesen Königsschildern sind aus den Jahren 1844 bis 1924 noch 32 vorhanden, die zusammen mit dem Silbervogel und einem großen Silberschild der Bürgermeisterei Lindlar zum Vereinsjubiläum 1925 das Lindlarer Schützensilber darstellen. Seit 1855 trägt der Schützenkönig von Lindlar gegenüber den Königen der meisten anderen Schützenvereine und -bruderschaften eine auffällig einfache Königskette, die in ihrer äußeren Gestaltung als schlicht zu bezeichnen, jedoch wegen ihres kulturhistorischen und ideellen Wertes bedeutungsvoll ist. Der Schützenhauptmann Notar Peter Melchers hatte in einer Eingabe an die Behörden wissen lassen, daß beim Schützenfest am 11.6.1855 das Königsvogelschießen traditionsgemäß durch den amtierenden Schützenkönig im Namen des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen eröffnet und sogleich mit dem ersten Schuß das Krönchen des Königsvogels errungen wurde. Auf diesen Bericht erging am 10.09.1855 folgendes Verleihungsdekret: "Sr. Majestät der König haben auf den Bericht des Herrn Ministers des Inneren mittels Allerhöchster Cabinets-Ordre vom 13. v. Mts. der dortigen Schützengesellschaft für den beim diesjährigen Königsvogelschießen daselbst in Allerhöchst dero Namen gethanen besten Schuß die beifolgende Medaille als Andenken zu verleihen geruht. "
Diese Medaille mit dem Bild des Königs und dessen Wappen wird seitdem an einer doppelten Silberkette als höchste und einzige Auszeichnung vom jeweiligen Lindlarer Schützenkönig getragen. Der bisher verwandte alte Silbervogel und die Königsschilder wurden auf Samtkissen geheftet und werden nur noch bei besonderen Anlässen, so bei den Schützenfesten, als Zeugnisse der langen Schützentradition mitgeführt.
Das Königsvogelschießen war und ist seit jeher der Höhepunkt des jährlichen Schützenfestes, dem das große Interesse der Schützen und der Bevölkerung gilt. Aus diesem Grund ist verständlich, daß der Verein einen König wünscht, der ihn als ersten Repräsentant in der Öffentlichkeit würdig vertritt. Dies ist offenbar auch fast immer gelungen, da es in den Vereinsunterlagen nur wenige Hinweise darauf gibt, daß man mit der freien und alleinigen Entscheidung der Schützenvereinsmitglieder zur Erlangung der Königswürde nicht einverstanden sein könnte.
So hielt im Anschluß an die Vorstandswahl von 1843 der Rechnungsführer Friedrich Wilhelm Goldstraß eine bemerkenswerte Rede an die versammelten Schützen, in der er u.a. ausführte: "Viele meiner Mitbrüder glauben und befürchten, daß, wenn jemand zur ärmeren Klasse gehörend, die Königswürde erringe, diesem weniger Ehre erwiesen werden möchte. Bei unserem Feste, bei unserem Vereine sind wir Brüder und Einer wird so geachtet wie der Andere. Keiner lasse den Mut sinken, redlich gezielt und wer die Krone erringt, wird sich von der Wahrheit meines Gesagten überzeugen. "
In einem Zeitungsartikel zum Schützenfest 1905 meinte Arthur Oedekoven jedoch feststellen zu können, daß es "sehr schlimm ist, wenn ein nicht satisfaktionsfähiger Schützenbruder das "Tier" herunterschießt. Es ist ja genugsam bekannt, daß jeder Mitglied werden und den ziemlich hohen Beitrag bezahlen kann, aber noch noch lange nicht Schützenkönig werden soll. Deshalb sind die meisten auch nur Mitglied aus geschäftlichem Interesse. Den Arbeitern und Bürgern, die sich nicht zwingen lassen, dem Verein beizutreten, kann man es nicht verdenken, wenn sie freiwillig auf das zweifelhafte Vergnügen verzichten, pünktlich den Beitrag zu erlegen und dann zusehen dürfen, wie alljährlich einige Monate vor dem Fest der demnächstige Schützenkönig "gemacht wird ". Diese Kritik ist zwar deutlich ausgedrückt, jedoch nicht ganz unbegründet. Denn im Bericht über das Jubiläumsfest 1925 wird ausgeführt, "daß der alte Brauch, wonach sich ein Mitglied, das sich im Interesse des Vereins vorzüglich als Schützenkönig eignet und dieses gerne werden möchte, aber nicht schießen kann, auch die Königswürde erringen kann, wurde gehandhabt. Dieses geschah ganz offen, so daß jeder sehen konnte, daß der Reflektant auf die Würde selbst das Stück nicht herunterschoss. Dieses erregte allgemeinen Anstoß. Der Fehler lag daran, daß der Schießstand offen war und sei hier der Nachwelt ausdrücklich gewarnt, der Schießstand muß geschlossen hergestellt werden. "
Ein solches Verfahren, wenn auch ganz selten überliefert, mußte zwangsläufig Anlaß zur Mißstimmung und Verärgerung geben und war sicherlich dem Ansehen des Vereins in der breiten Öffentlichkeit nicht dienlich. Zumindest seit Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit nach dem letzten Krieg im Jahre 1950 ist ein solcher Eingriff in den Wettbewerb um die Königswürde nicht denkbar, da jedes Schießen für jedermann sichtbar ausgeführt wird. Der Verein kann sich glücklich schätzen, daß alljährlich eine beachtliche Anzahl ernsthafter Bewerber um die Königswürde antreten, die allesamt willkommen sind und das Vertrauen des Vereins genießen.
Besonders spannend und ereignisreich gestaltete sich das Königs-vogelschießen des Jahres 1903. Im Protokollbuch heißt es: "Das Königsvogelschießen mußte wegen dem Unwetter früh beginnen. Der glückliche in unserer Vereinsgeschichte sehr bedeutsame unvergeßliche Schuß gehörte unserem Jubilar, dem allerwehrten Herrn Edmund Lob im Alter von 80 Jahren.
Während der Regen sich in Strömen ergoß, sowie Donner und Blitz das Fest zu vereiteln suchten, setzte sich der Greis mit sicherer Hand ans Werk und machte dem Allmächtigen Concurenz. Es krachte der Schuß, die Platte fiel, Hurra es lebe der Kaiser! Das Fest war gerettet, und zu einem solchen erhoben, welches nicht nur in unserer Vereinsgeschichte, sondern in Deutschland vereinzelt dasteht. " Edmund Lob wurde als Kaiser gefeiert, weil er bereits in den Jahren 1853 und 1867 die Königswürde schon errungen hatte.
Auch dies ist alte Lindlarer Schützentradition, daß nur bei dreimaliger Erringung der Königswürde die Bezeichnung "Schützenkaiser" verliehen wird. Erst 1991, mithin nach 88 Jahren, hat es wieder einen solchen gegeben.
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