500 Jahre Lindlarer Schützenwesen
Fortsetzung der Chronik (Teil 3)
Alte Akten, Satzungen und Protokolle zeigen auf, daß der Schützenverein oft schwer um seinen Fortbestand ringen mußte. Kriege und finanzielle Schwierigkeiten, Unwetterkatastrophen und "Pestilenz" bedrohten immer wieder das Vereinsleben und verhinderten des öfteren, so 1914-18 und 1939-45, die beliebten Schützenfeste.
Erst 1950 unternahmen einige Mitglieder das "große Wagnis", wie es in der Festschrift von 1952 heißt, den Verein wieder aufleben zu lassen. Über alle Erwartungen traten spontan 179 Mitglieder wieder bei, eine überraschend große Zahl. Diese Reaktion bewies, daß die jahrhundertealte Tradition der Lindlarer Schützen durch keine noch so widrigen Einflüsse in ihrem Kern getroffen oder gar beendet werden konnte. Damals wie heute fühlt sich der Verein zur politischen und religiöser Neutralität verpflichtet, um allen interessierten Bürgern und Bürgerinnen einen Beitritt zu ermöglichen.
Das erste Schützenfest nach dem Kriege im Jahre 1950 war dann auch ein großer Erfolg. Durch einen beachtlichen Überschuß konnte zudem, zwei Jahre nach der Währungsreform, wieder ein finanzielles Fundament geschaffen und damit die weitere Vereinsarbeit auch auf diesem Gebiet gesichert werden. Wenn auch durch den letzten Krieg viele Vereinsunterlagen und Werte verloren gingen, so besitzt der Verein außer wertvollem Schriftgut, den bereits erwähnten drei Fahnen aus den Jahren 1764, 1869 und 1925 sowie dem Schützensilber noch das Protokollbuch und Sitzungsniederschriften ab 1892, das Kassenbuch ab 1840 bis 1875 und ein weiteres Kassenbuch ab 1905 bis zur heutigen Zeit, aus denen interessante Beschlüsse, Berichte und Zahlen über 150 Jahre Schützenverein zu entnehmen sind.
Seit der Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit im Jahre 1950 hat der Verein eine überaus erfreuliche und kontinuierliche Aufwärtsentwicklung genommen. Er ist Mitglied im Rheinischen und Oberbergischen Schützenbund und im Bezirksverband der Schützenbruderschaften und -vereine der Gemeinde Lindlar. Erfreulich ist hierbei der große Anteil der Schüler- und Jungschützen, die historisch betrachtet, die Tradition der bereits im 18. Jahrhundert erwähnte Gruppe der Junggesellen der alten Schützenbruderschaft fortführen. Auch sie haben ebenso wie die damaligen Junggesellen 1764 eine eigene Fahne, die der Schützenkönig des Jahres 1965, Senator Karl Götze, stiftete.
Die Jungschützengruppe wurde 1953 ins Leben gerufen. Mit großer Beteiligung und in engagiertem Wettkampf bestreiten sie am Schützenfest-Sonntag nach dem Festkonzert ihr Prinzenvogelschießen. Im Hinblick auf die Vielzahl der jährlichen Bewerber mußte 1987 durch Generalversammlungsbeschluss eine Regelung dahingehend getroffen werden, daß Jungschützen, welche die Prinzenwürde bereits einmal errungen haben, von einer erneuten Teilnahme am Prinzenvogelschießen ausgeschlossen sind, damit die Chancen der anderen Interessenten, insbesondere auch im Hinblick auf die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit von 10 Jahren (18. bis 27. Lebensjahr), nicht geschmälert werden. Es spricht für den Eifer der Jungschützen, daß nicht für das Vogelschießen geworben, sondern vielmehr für Chancengleichheit gesorgt werden mußte.
Die früheren Statuten und Satzungen von 1840, 1920, 1954, 1979, 1992 und 1997 sowie die heutige gültige Satzung von 1998 bezeichnen allesamt als Vereinszweck unter anderem die Pflege des Schießsports, eine für Schützenvereine selbstverständliche Zielsetzung. Der Satzungszweck soll durch regelmäßiges Training und Teilnahme an Schießsportveranstaltungen verwirklicht werden.
Dieser Aufgabe wird der Verein, insbesondere in den letzten Jahrzehnten, gerecht durch einen beachtlichen Breitensport, der sich in eine Anzahl von Mannschaften gliedert. Neben dieser allgemeinen Pflege des Schießsports für alle interessierten Vereinsmitglieder fördert der Verein aber auch die Teilnahme von Schießsportmannschaften und Einzelsportschützen an den Meisterschaften und Wettkämpfen des Rheinischen Schützenbundes auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene, an Schießwettbewerben des Oberbergischen Schützenbundes und des Bezirksverbandes der Schützenbruderschaften und -vereine der Gemeinde Lindlar.
Im Frühjahr 1964 wurde der auf dem Gelände des heutigen Kindergartens an der Korbstraße benutzte Schießstand durch den Sachverständigen aus Sicherheitsgründen nicht mehr freigegeben und durch die Gemeinde Lindlar als Ordnungsbehörde geschlossen. Eine Wiederherstellung der Standsicherheit lohnte sich jedoch nicht, da noch vor dem Schützenfest 1964 mit den Erdarbeiten für den neuen Kindergarten begonnen werden sollte und hierbei der Stand in Fortfall kam. Eine außerordentliche Generalversammlung am 17.6.1964 mußte sich deshalb mit der schwerwiegenden Frage befassen, ob das Schützenfest unter den gegebenen Umständen stattfinden könne. Es fand dennoch statt, und zwar wurde das Königsvogelschießen mit Luftgewehr in der Baugrube des Kindergartens durchgeführt; eine ungewöhnliche, aus der Not entsprungene Variante.
Dieses Dilemma hatte aber glücklicherweise zur Folge, daß nach den behelfsmäßigen Schießständen der Nachkriegszeit nunmehr in einer ebenfalls außerordentlichen Generalversammlung am 6.3.1965 der Neubau eines modernen Schießstandes im gemeindlichen Sportgelände an der Kölner Straße beschlossen wurde. Bereits beim Schützenfest 1966 konnte der Schießstand eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben werden. Nunmehr standen fünf Schießbahnen für Kleinkalibergewehre und Luftgewehre mit separatem Schießraum und einem Aufenthaltsraum zur Verfügung, was naturgemäß zu einer beachtlichen Steigerung der schießsportlichen Aktivitäten führte.
Nach nur 17 Jahren mußte sich der Verein erneut mit dem Schießstand befassen, da dieser für den enorm vergrößerten Schießbetrieb, insbesondere im Luftgewehrbereich durch Schüler- und Jugendmannschaften, nicht mehr ausreichte. Mehrere baulichen Mängel bedurften zusätzlich der Behebung. Am 29.10.1983 wurde mit einem Erweiterungsbau für die Luftgewehrbahnen, einen vergrößerten Aufenthalts- und Schulungsraum sowie einer grundlegenden Renovierung des Altbaues begonnen. Die Baumaßnahmen konnten bereits im September 1984 abgeschlossen und der erweiterte und verschönerte Schießstand mit optimaler technischer Ausrüstung am 22.9.1984 eingeweiht und in Betrieb genommen werden.
So wie der Verein den Schießsport pflegt und die Jugend fördert und betreut, so ist es ihm wie zu allen Zeiten der Vereinstätigkeit ein Hauptanliegen, das überlieferte Brauchtum zu wahren und das in seinen Reihen aus der Tradition wurzelnde Gemeinschaftserleben dem in der heutigen modernen Industriegesellschaft drohenden Verlust zwischenmenschlicher Kontakte entgegenzustellen. Nichts schließt die Menschen mehr zusammen wie gemeinsame Freude und Geselligkeit. Die Schützenfeste in Lindlar sind weit und breit bekannt und werden jedes Jahr wieder von den Lindlarer Bürgern und vielen Gästen aus Nah und Fern besucht und gefeiert. Und wenn es früher hieß, "auch dienstags war ein schöner Festtag, an dem beim Schlußball Lindlar unter sich feierte, " so muß man gerade zu dieser Schlußveranstaltung heute feststellen, was Freude zu geben bewirken kann. Aus einem internen geselligen Ausklang des Festes von einst ist ein rauschender Schlußakkord geworden. Vor ca. 30 Jahren begannen einige Vereinsmitglieder ohne besonderen Anlaß, lediglich aus Spaß an der Freude, eine Art Kabarett mit Lokalkolorit ohne Drehbuch und Proben zu produzieren. Die "Dienstagskünstler" sind inzwischen zum festen Bestandteil des Dienstagsball geworden.
Die Schützenvereine und deren Arbeit scheint für viele Menschen unserer Zeit fern von jeder Daseinberechtigung und gesellschaftspolitischer Aufgabe. Dieser Meinung setzen die Schützen aus gutem Grunde entgegen: Selbst wenn die Schützen nichts anderes tun würden, als einmal im Jahr ein schönes Fest für jung und alt zu veranstalten, dann hätten sie ihre Daseinsberechtigung schon bewiesen. Denn Schützenfeste gelten immer noch als Integrationsfaktor. Sie führen Menschen zusammen und sie machen es Außenstehenden leicht, dazuzugehören.
Die alte Tradition der Lindlarer Schützen wird auch in der heutigen Zeit bewahrt und immer wieder neu belebt. Die Schützen sind sich bewußt, daß sie einem Verein angehören, der seit jetzt 500 Jahren tief im Gemeinschaftsleben der Heimat verwurzelt, der selbst Geschichte von Lindlar ist.
In diesem Bewußtsein hat der Verein auch die Ausrichtung des alle drei Jahre stattfindenden Bundesschützenfestes des Oberbergischen Schützenbundes übernommen, das in Verbindung mit dem eigenen Schützenfest vom 02. bis 06. August 1996 veranstaltet wurde. Es gelangte dem Schützenverein Lindlar zur Anerkennung und Freude, ein solches Großfest mit den vielen Schützen des Oberbergischen Landes feiern zu können.
Im Jahre 2000 musste sich der Verein erneut mit dem Schießstand befassen, da dieser für den enorm vergrößerten Schießbetrieb, insbesondere im Luftgewehrbereich durch Schüler- und Jugendmannschaften, nicht mehr ausreichte. Mehrere baulichen Mängel bedurften zusätzlich der Behebung. Im August 2000 wurde mit einem Erweiterungsbau für einen vergrößerten Aufenthalts- und Schulungsraum, Errichtung einer modernen Toilettenanlage sowie einer grundlegenden Renovierung des Altbaues begonnen. Die Baumaßnahmen konnten bereits im Juni 2001 abgeschlossen und der erweiterte und verschönerte Schießstand mit optimaler technischer Ausrüstung konnte im Juli 2001 eingeweiht und in Betrieb genommen werden. Die Vereinsmitglieder erbrachten hierzu 4800 Stunden an Eigenleistung .
Literatur: Arthur Oedekoven: Das Schützenfest in Lindlar 1905 Arthur Oedekoven: Das alte Lindlarer Schützenwesen, 1925 Josef Külheim: Das ländliche Schützenwesen 1952 Wilhelm Steinbach: Das Lindlarer Schützenwesen, 1965 Dr. Gerd Müller: Lindlar - eine Bergische Gemeinde erzählt, 1976 Klaus J. Breidenbach: Historische Schützen im Bergischen Land
|